Liebe Menschinnen und Menschen

December 3, 2008

(Non-German speakers please move on, nothing to see here. Come back tomorrow.)

Die deutsche Sprache krankt nicht nur an den zunehmenden Anglizismen, sondern auch an der vermeintlichen Gleichstellung weiblicher und männlicher Substantivformen. Zugegeben, der Zwiebelfisch hat dies in seinen berühmten Büchern bereits ausführlich behandelt. Ich will dennoch ein paar weitere Punkte beleuchten, die ich schon seit einiger Zeit mal loswerden wollte.

Den Spieß mal umgedreht

Die übliche und ein wenig kurzsichtige Argumentationslinie geht ungefähr so: Wenn jemand “Liebe Kollegen” sagt, dann ist das ja diskriminierend, weil er die Kolleginnen nicht anspricht. Das ist insofern kurzsichtig, als dass früher eine solche Anrede erwiesenermaßen und mit einer absoluten Selbstverständlichkeit auch die weiblichen Mitarbeiter eingeschlossen hat. Ich persönlich finde es schon ganz schön anmaßend, wenn mir jemand vorwirft, ich ignoriere meine weiblichen Mitarbeiter bewusst, nur weil ich “Liebe Kollegen” sage. Ganz im Gegenteil, ich würde nie daraufkommen und möchte auch bitte nicht darüber belehrt werden, wie ich mich auszudrücken habe.

(Genauso verhält es sich im Übrigen mit den Stellenanzeigen, in denen ein “Betriebswirt (m/w)” gesucht wird. Warum müssen die Firmen dort “(m/w)” schreiben, wenn doch wohl klar ist, dass sie Bewerbungen von Frauen wie von Männern akzeptieren? Darüberhinaus ist es eine unnütze Angabe, denn Dank des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes (AGG) darf eine Firma niemanden wegen seines Geschlechtes zurückweisen. Das halte ich zwar auch für Unsinn, denn wenn ich ein Modell für Damenunterwäsche beschäftigen möchte, nutzt mir ein Mann herzlich wenig, aber das ist ein anderes Thema.)

Es funktioniert einfach nicht

Abgesehen davon, dass die zusätzliche -innen Form (“Kolleginnen und Kollegen”) fürchterlich viel Geblabber erzeugt, aber keinen wirklichen Mehrwert in die Sprache bringt, funktioniert sie auch nicht immer. Beispiele: Mensch oder Gast. Spätestens hier werden die selbsternannten Sprachverbesserer erkennen müssen, dass Mensch und Gast maskuline Substantive sind und für Männlein und Weiblein gleichermaßen gelten, ohne dass eine -in Form vonnöten oder gar möglich wäre. Niemand würde schimpfen, wenn ich meine Kollegen zu mir nach Hause einlüde und sie mit “Liebe Gäste” anspräche. Warum soll es dann politisch inkorrekt sein, “Liebe Kollegen” zu sagen? Es will mir einfach nicht einleuchten.

Der Ausweg ist eine Sackgasse

Engagierte Leute mit Sprachgefühl haben diese Probleme natürlich erkannt und mittels der Gerundiumsform Abhilfe geschaffen. So ist es an Deutschlands Universtitäten üblich, die Studenten als “Studierende” zu bezeichnen (in Österreich ist es sogar Gesetz), denn es gilt “die Studierende” gleichermaßen wie “der Studierende”. Alles im Lot, oder?

Leider weit gefehlt. Die Verwendung des Partizips drückt eine Handlung aus und wie jeder weiß sind die wenigstens Studenten auch wirklich studierende (sic!). Denn wer Kraftfahrer von Beruf ist, ist ja nicht immer ein Kraftfahrender, genausowenig wie ein Marathonläufer nur ab und zu ein Marathonlaufender ist. Was wäre zudem ein Student, der Auto führe? Das wäre ja ein kraftfahrender Studierender. Also bitte, niemand kann gleichzeitig ein Kraftfahrzeug lenken und dabei studieren. Es ist einfach Unsinn.

7 Responses to “Liebe Menschinnen und Menschen”

  1. Florian Schulze Says:

    Da schreibt mir jemand aus dem Herzen.
    Nun müssen wir nur noch eine ganze Reihe von Personen (gibt es davon auch eine männliche Form?) davon überzeugen, daß die Gleichberechtigung inzwischen eine Selbstverständlichkeit sein sollte und man nicht immer mit dem Zaunpfahl winken muß um darauf hinzuweisen.

  2. Matthew Wilkes Says:

    It’s to late to be thinking while I write so I’ll stick to Englisch😉

    Nice post, I have never understood the idea that we should make communicating more difficult for our selves by being explicit about subtlties of meaning.

    I can accept that some masculine-specific terms are discriminatory (“Right man for the job”, usw.) it simply doesn’t make sense for us to go to the trouble of stating that we include the feminine in the masculine when it’s obvious.

    The argument that by making masculine the default we’re asserting supremacy is, frankly, offensive.

  3. Martin Says:

    Interessant ist, dass bei “Betriebswirt (m/w)” die ‘männliche’ Form auch für und von Frauen akzeptiert wird. Steht es aber allein für sich, geht man (böswillig?) davon aus, dass es sich ja nur um Männer handeln muss. Ansonsten würde ich deine Petition gerne unterschreiben. Wo kann ich mich anmelden?😉

  4. Bernhard Mayer Says:

    “Das ist insofern kurzsichtig, als dass früher eine solche Anrede erwiesenermaßen und mit einer absoluten Selbstverständlichkeit auch die weiblichen Mitarbeiter eingeschlossen hat.”

    Naja, wann früher? Vor 1908, als Frauen in Deutschland erwiesenermassen und mit einer absoluten Selbstverständlichkeit allgemein nicht zum Universitätsstudium zugelassen waren? Oder vor 1918, als Frauen erwiesenermassen und mit einer absoluten Selbstverständlichkeit allgemein nicht wählen durften?

    scnr😉


  5. Du erinnerst mich an die politisch korrekte Gleichstellungsversion von Plone, die es mal gab: mit BenutzerInnen und RedakteurInnen. Tja, das treibt manchmal seltsame Blüten.😉

    Gleichberechtigung und Gleichstellung ist natürlich nicht dasselbe. Zwar sind Frauen heute gleichberechtigt, aber nicht unbedingt gleich gestellt. Auch wenn ein “Betriebswirt (m/w)” gesucht wird, erhält ein Betriebswirt(w) häufig weniger Gehalt als ein Betriebswirt (m). — Tja, auch die Wirkungsmacht der Sprache hat Grenzen.

  6. philikon Says:

    Bernhard: Natürlich war die gesellschaftliche Rolle der Frau damals anders, aber das muss nicht heißen, dass man der gesamten deutschen Sprache eine Diskriminierung der Frau vorwerfen könnte. Luther übersetzte die “ἀδελφοί” aus den Paulus-Briefen ganz selbstverständlich mit “Brüder”. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass er damit unterstellen wollte, dass der hl. Paul nur die männlichen Korinther, Philipper usw. meinte. Allerdings bin ich weder Sprachwissenschaftler noch Theologe und kann mich nur auf mein Sprachgefühl verlassen.

    JUH: Du hast recht, allein durch politisch korrektes Quasseln werden die Probleme nicht gelöst. Insofern kann die Devise nur lauten, dass wir uns auf den Nebenschauplätzen wie Sprache nicht aufhalten lassen sollten. Es gibt andere Probleme im Lande, und die drehen sich nicht unbedingt allein um gleichgestellte Löhne. In der Diskussion wird allzu oft eine schwindende, lobbyfreie Gesellschaftsminderheit vergessen: die Kinder. Tschuldigung, ich meine natürlich die Kinderinnen und Kinder.

  7. Ungebeten Says:

    Amen!
    So mancher Sprachgebrauch wird zu Recht verlassen, weil von den Betroffenen als diskriminierend empfunden wird (Neger, Zigeuner, von mir früher ganz unschuldig benutzte Wörter). Aber wenn die Sprache ohne Nutzen nur holpriger gemacht wird, bin ich nicht mehr dabei. (Im gewerkschaftlich orientierten Umfeld schleift sich das schon wieder ein: “Liebe Genossinnnngenossen, die Mitarbeiternnmitarbeiter der Abteilung …”).


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: