Religion und Freiheit

April 22, 2009

Nach einer kleinen Diskussion zum Thema Relgionsunterricht auf Twitter habe ich das Bedürfnis, meine Gedanken ein wenig zu sortieren. Ein Blogartikel scheint mir die geeignete Form zu sein. Die meisten meiner gestarteten Blogeinträge sind bislang im Draft-Nirvana geendet. Vielleicht schaffe ich es ja, diesen hier zu Ende zu bringen🙂.

In Berlin steht am Wochenende ein Volksentscheid zum Thema Religionsunterricht an. Bislang gibt es für alle Schüler das Fach “Ethik” als Pflicht. In dem Volksentscheid geht es darum, Schülern die Wahl zwischen Ethik und Religion zu ermöglichen. Wie so oft in der deutschen Politik ist leider die Diskussion zu diesem Thema rein von Ideologie und so gar nicht von Pragmatismus getrieben. Gerade in puncto Religion scheinen gewisse Parteien so fürchterlich verunsichert zu sein, dass eine sachliche Behandlung der Dinge kaum mehr möglich erscheint.

Integration

Betrachten wir den Fall einmal. Eine nicht unerhebliche Anzahl Berliner Bürger (genug, um einen Volksentscheid ins Leben zu rufen) möchte gerne die Wahl zwischen Ethik und Religion in der Schule sehen. Warum möchten SPD und Linke ihnen diese Wahl verweigern? Als Argument wird meist die Integration genannt und die fatalen Folgen für die Integration, die diese Wahlmöglichkeit hätte. Nicht, dass es um die Integration in Deutschland momentan gut bestellt wäre und es um die Zerstörung eines Erfolges ginge, denn das ist nun wirklich nicht der Fall.

Nennen wir  das Kind doch endlich mal beim Namen. Es geht doch um den Islamunterricht, vor dem die Leute so panische Angst zu haben scheinen. Man fürchtet wohl eine Isolation der Muslime in Deutschland, weil sie sich alle in den islamischen Religionsunterricht flüchten. Und paff, die Integration ist dahin! So ist einfach ist es zum Glück nicht. Denn mit dem Integrationsproblem ist ja nicht die Isolation gemeint. Im mulit-kulti Berlin ist das sowieso eh nicht das Problem: Murat und Christian spielen schon längst zusammen im selben Fußballverein und verknallen sich in die selben Mädels (trotz Unterschiede in der Religion).

Das Problem ist doch die geringe Qualifizierung der Migrantenkinder. Und bislang hat der Zwang zu Ethik die Zahl der Schulabschlüsse in diesem Teil der Gesellschaft nicht zu heben vermocht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass eine zusätzliche Wahlmöglichkeit die Zahl noch weiter nach unten drückt. Ich lasse mich allerdings durch Erfahrungswerte gerne belehren. Von reinen Spekulationen halte ich aber nichts.

Religion = suspekt

Noch ein weiteres Kind sollte beim Namen genannt werden. Es ist schwer zu verkennen, dass heutzutage immer weniger Leute religiös sind. Das ist prinzipiell kein Problem, allerdings scheint es mir so, dass von Seiten der Atheisten (man verzeihe mir die Benutzung dieses Wortes als Sammelbegriff für alle Nicht-Religiösen) ein immer größeres Misstrauen den Religionen entgegengebracht wird. Gerade beim Islam geht die Furcht vor religiösem Fundamentalismus um. Aber auch den anderen Kirchen ist man suspekt gegenüber eingestellt und möchte die Kinder lieber vor den Fängen dieser authoritären Organisationen fernhalten.

Diese Voreingenommenheit macht eine sachliche Diskussion nahezu unmöglich. Nicht nur das, ich finde es regelrecht anmaßend, den Religionsunterricht mit einer weltanschaulichen Indoktrination gleichzusetzen. Ich habe manchmal wirklich das Gefühl, dass die Gegner des Religionsunterrichts noch nie in den Genuss gekommen sind, einen selber besucht zu haben. Außerdem scheint gerne vergessen zu werden, dass der Religionsunterricht wie jedes andere Schulfach auch, einen Lehrplan bekäme. Im Übrigen stört die einseitige Sichtweise, denn auch der Ethik-Lehrer könnte seinen Unterricht zur Indoktrination dieser oder jener Weltanschauung benutzen.

Freiheit

Ein Bestandteil des Ethiklehrplanes ist doch sicherlich die Toleranz. Nun, wo bleibt die Toleranz gegenüber denen, die religiös sind und auch so ausgebildet werden wollen? Und überhaupt, indem wir den Muslime wie Christen die Möglichkeit zu konfessionellem Religionsunterricht geben, schaffen wir nicht eine viel größere Gleichbehandlung und Ebenbürtigkeit? Ist das nicht am Ende ein viel größerer Beitrag zur Integration, wenn diese Leute in die Gesellschaft eingebunden statt marginalisiert werden?

Diese Fragen sind wirklich ernst gemeint, denn ich weiß es auch nicht. Aber ich möchte denen, die es probieren wollen, den Versuch nicht verwehren. Das bedeutet nämlich das Zugeständnis einer Freiheit, die es momentan nicht gibt. Es ist die Freiheit, seine Weltanschauung ohne Einmischung des Staates leben zu können, insbesondere in der Ausbildung. Friedrich II. hat diese Freiheit meiner Meinung nach am schönsten formuliert:

Jeder soll nach seiner Façon selig werden.

Schade, dass sich einige Berliner an diese Freiheit ihres Stammlandes Preußen nicht mehr erinnern. Stattdessen nimmt man lieber Anleihen an der Gleichmacherei eines viel dunkleren Kapitels der ostdeutschen Geschichte. Schade.

19 Responses to “Religion und Freiheit”


  1. Ich finde, dass Religionsunterricht (ganz egal in welcher Version) bei Minderjährigen **prinzipiell** nicht schädlich ist.

    Religion — zumindest in den Ausprägungen der großen “Weltreligionen” — lehrt einen Glauben an das
    nicht Überprüfbare. Kinder sind sehr “anfällig” für solche Lehren und in der Regel — bis zu einem gewissen Alter — sehr unkritisch.

    Ich denke aber, dass wir unseren Kindern eher beibringen sollten, Regeln egal welcher Art zu hinterfragen. Ich denke weiter, das wir unsere Kinder nur so von Fundamentalismus bewahren können — egal welcher Art.

    Deshalb wäre es meiner Meinung nach besser, auf Religionsunterricht **ganz** zu verzichten. Nicht “Religion” **oder** “Ethik” — wenn schon, dann “Ethik” **statt** “Religion”.

    Im übrigen würden weniger Unterrichtsgegenstände der heutigen realen Situation im Unterricht (vor allem in der Grundschule) viel eher gerecht werden — aber das ist eine ganz andere Diskussion🙂

  2. philikon Says:

    Ich stimme Dir zu, dass es unheimlich bildend und fördernd ist, den Verstand der Kinder anzuregen, indem man Dinge hinterfragt. Das gilt für Religion gleichermaßen wie für Politik, Literatur, Kunst, usw. Sicherlich ist die Schule genau dafür da. Ansonsten wüsste ich nämlich nicht, warum wir Generation für Generation mit Goethes Faust quälen🙂.

    Insofern verstehe ich nicht Deine Schlussfolgerung, auf den Religionsunterricht dann ganz zu verzichten wollen. Warum sollten religiöse Kinder nicht die Gelegenheit bekommen, über ihre Religion zu reflektieren? Es wird immer so getan, als ob Kinder so leicht beeinflussbar und indoktrinierbar seien. Das gesteht den Kindern recht wenig zu. Soll es etwa keine Kinder geben, die bewusst und aus eigener Entscheidung religiös sind? Ich glaube, viele Kinder (natürlich v.a. mit zunehmenden Alter) können sehr gut die Dinge differenziert betrachten, wenn sie dazu angespornt werden. Der Religionsunterricht würde ihnen das ermöglichen. Und wenn sie darauf keinen Bock haben, hätten sie ja eh die Möglichkeit, Ethik zu wählen.


  3. Some Dutch input. We had a “school war” around 1900, the result was that schools started by religious groups (read: roman catholic and protestant schools) had the same rights and obligations as the regular state schools. We’re talking 6-12 year olds here. And “rights” mostly meant “funding by the state”🙂 And obligations means that you get the same quality and so, only augmented with some christian lessons. Nowadays the christian character of most of those schools is pretty low. State/non-state is around 50/50 I’d say.

    At the moment we also have a few muslim schools. Just a handful. They’re pretty new and some of them have huge quality problems and management problems from what I hear in the newspapers.

    Having those muslim schools didn’t worsen or improve the integration issues. The schools with huge problems (those with lots of pupils from disadvantaged backgrounds) are pretty evenly spread over all school types. The christian schools tend to fare a bit better though in practice, probably a target demography thingy.

    Oh, and everything Ought To Be Tolerated in the Netherlands. But also here there are quite some that tolerate everything except christians. “Christians aren’t tolerant in our opinion and that cannot be tolerated”🙂

    So: a bit of religious stuff in your school system won’t kill you or society. That Friedrich II quote is pretty good. Don’t be too religious in wanting to eradicate all traces of religion🙂

  4. philikon Says:

    Reinout, thanks for the input. I have long admired the Dutch attitude regarding pragmatism in politics. Your experience also seems to confirm my suspicions toward religion not making a big difference on integration.

    Regarding the tolerance, I really wish it was reciprocal. The intolerance towards Christians who *supposedly* are intolerant seems to contradict their own moral.

  5. Christian Kirsch Says:

    Ich verstehe nicht, warum die *Entscheidung* zwischen Ethik- und Religionsunterricht zur Pflicht gemacht werden soll. Religionsunterricht war in Berlin (!) seit vielen, vielen Jahren freiwillig und wurde auch nie von staatlichen Lehrern erteilt. Daran will niemand etwas ändern. “Pro Reli” geht es eher um “Contra Ethik” – denn niemand hindert hier Kinder daran, den Religionsunterricht zu besuchen. Er ist nur, anders als Ethik, keine Pflichtveranstaltung. Und das ist auch gut so – Religion geht den Staat nichts an, er muss weder Räume noch Lehrer dafür zur Verfügung stellen.

  6. Reinout van Rees Says:

    And, realistically, either ethics classes or religious classes will fall victim to exactly the same amount of pupil disinterest and pupil non-participation… If my school experience is any guide🙂 /😦

  7. Baptiste Says:

    Another datapoint: in the traditional french system (3rd Republic), there was no religion class in public schools. However, one day in the week (thursday) was reserved on which there were no classes. On that day, pupils were free to get religious education if they so wished. That way, everybody can play his role: the school teaches things which are the object of a broad social and scientific consensus, and the church things which are peculiar to one religion.

  8. juh Says:

    Religion hat meines Erachtens in der Schule überhaupt nichts verloren – außer als Teil eines vergleichenden Unterrichts bzgl. religiöser Systeme (ich hätte jetzt beinahe geschrieben religiöser Verbrechen).

    Die Kirchen genießen in unserer Gesellschaft leider immer noch viel zu viele Privilegien gegenüber anderen weltanschaulichen Vereinen, dass es ein Hohn ist davon zu sprechen, dass jeder nach seiner Façon selig werden könnte. Die Kirchen haben leider viel zu viele Möglichkeiten, auf Jugendliche frühzeitig einzuwirken.

    Der Obskurantismus der Religionen sollte im 21. Jhd. endlich der Vergangenheit angehören. Die Religionen und ihre modernen Nachfolger, die großen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts haben doch wohl genügend Elend über die Menschheit gebracht.

    Wenn dieser Mixa meint, der Atheismus sei an Auschwitz und dem Gulag Schuld, dann hat er gar nichts verstanden. Menschen zu opfern ist das Wesen der Religionen und die katholische Kirche kann auf eine lange Tradition von Scheiterhaufen zurückblicken. Nationalsozialismus und Kommunismus basieren im Kern ebenfalls auf einem Glauben an ein transzendentes Etwas. Der Kommunismus glaubt an das Ende der Geschichte ist also teleologisch wie das Christentum und der Nationalsozialismus glaubt an das auserwählte Volk.

    Man sollte in deutschen Schule also lieber mehr Wert auf kritisches und naturwissenschaftliches Denken legen und die Religion endlich hinter uns lassen.

    Ich habe mehr den Eindruck, dass der Widerstand der Kirchen zunimmt, jetzt wo die Atheisten sich nicht mehr damit begnügen, nicht mehr verbrannt zu werden. In Deutschland konnten die Kirchen bisher erfolgreich verhindern, dass atheistische Werbung in Bussen erscheint. Es ist schon lange überfällig, dass sich die atheistische Mehrheit in unserer Gesellschaft endlich Gehör verschafft und nicht mehr damit zufrieden ist, dass man sie nicht mehr verfolgt. Mögen die Kirchen auch nicht mehr so mächtig sein, dass sie ihre Gegner verbrennen kann, das obskurantische Denken ist immer noch weit verbreitet. Das lässt sich nur durch eine aufgeklärte Erziehung vom Kindergarten an austreiben. Leider sind aber gerade die Kirchen häufig Träger von Kindergärten. Sie wissen warum. Je jünger das Opfer, um so leichter ist es, die religiöse Denkstruktur einzuimpfen. Atheistische Kinderbücher passen da nun gar nicht hinein.

    Aber lassen wir es damit bewenden. Dass wir uns heute überhaupt noch mit Religionen herumschlagen müssen, ist deprimierend genug. Mich stört am Wort Atheismus jeder Buchstabe nach dem A.

  9. philikon Says:

    juh, dein Ton bestätigt leider meine These, dass die “Voreingenommenheit … eine sachliche Diskussion nahezu unmöglich” macht. Ich habe nichts dagegen, wenn sich die Atheisten eigene gesellschaftliche Strukturen verschaffen und ihre Kinder entsprechend erziehen. Aber nach Deiner Meinung stünde mir das gleiche Recht, meine Kinder christlich zu erziehen und bilden zu lassen, nicht zu?

    Du meinst es wohl noch radikaler. Du schreibst nämlich, das “[obskurantische Denken] lässt sich nur durch eine aufgeklärte Erziehung vom Kindergarten an austreiben.” Inwieweit ist diese “Austreibung” denn dann anders als eine religiöse Erziehung? Es kommt mir vor, Dir geht es nicht um Religionsfreiheit, sondern um ein Religionsverbot. Das zeugt nicht gerade von freiheitlichem Denken. Du solltest Dir mal überlegen, ob Deine Rhetorik nicht vielleicht genauso resolut erscheint wie die derer, die Du scheltest.

    Den Befürwortern des Religionsunterrichts geht es um ein Miteinander, nicht um ein Gegeneinander. Das ein oder andere ‘Bodenpersonal’ in der Kirche mag in dieser Hinsicht etwas verklärt sein. Dahinter aber eine Verfolgung der Ungläubigen zu sehen, halte ich für viel zu überzogen.

  10. juh Says:

    Natürlich hast du das Recht, deine Kinder so zu erziehen, wie du willst, nur nicht m.E. auf Kosten der Gemeinschaft in der Schule.

    Es geht mir in der Tat auch nicht um Religionsfreiheit. Die Vereinsfreiheit reicht meines Erachtens völlig aus, um Leuten, die an Gott mit oder ohne langen Bart glauben, die Freiheit zur Versammlung zu geben. Die Religionsfreiheit ist in Wahrheit ein spezielles Privileg für Religionen, das ich in der Tat für überflüssig und schädlich halte.

    Die Kirchen wollen ja mehr Rechte haben als andere Vereine. Das regt mich so auf. Warum gibt es keinen Astrologie-Unterricht in der Schule oder Bachblütenunterricht oder Uri-Geller-Shows? Woher nehmen die Kirchen die Chuzpe, sich dermaßen mit ihrem Steckenpferd in den Vordergrund zu drängen?

    Religiöses Denken muss bei Kindern nicht ausgetrieben werden, da es nicht angeboren ist. Wenn Kinder religionsfern mit gesundem Menschenverstand und naturwissenschaftlichen Grundsätzen erzogen werden, kommt es erst gar nicht so weit.

    Du kannst mich gerne als voreingenommen bezeichnen, ich betrachtet den Glauben an Gott als völlig irrationale Angewohnheit, die man nicht an künftige Generationen weitergeben sollte.

  11. Martin Says:

    Ich muss juh hier mal voll und ganz zustimmen. Einen Ethikunterricht halte ich für voll und ganz angebracht, (verpflichtenden) Religionsunterricht dagegen für daneben. Wer will solls tun – von mir aus in Sonntagsschulen oder so – aber das in manchen Schulen/Bundesländern Kinder in irgendeinen Religionsunterricht gehen müssen (selbst wenn sie einer anderen Konfession angehören), geht nicht. Vor allem deshalb nicht, weil in den unteren Klassen ja nur “pro Religion” gelehrt wird. Habe hier in Bayern (wo man ab Klasse 9 oder so übrigens Ethik statt Religion wählen kann) im Religionsunterricht erst in der 12. Klasse etwas über Religionskritik etc. gehört, und das dann aber gleich mit diversen Kommentaren und “Entkräftigungen” hinterher.

    Warum Ethik- statt Religionsunterricht? Weil Religion sich auf irgendeine Art von Moral beruft, also auf eine von einer “höheren Macht”, ergo nicht hinterfragbaren und auf Grund göttlicher Gewalt unantastbaren Einteilung von “Gut” und “Böse” beruft, wohingegen Ethik – so wie ich sie verstehe – auf einem möglichst unvoreingenommenen Diskurs beruht, welcher für neue Argumente und Kritik offen ist. Wenn ich mich von einer “Weltanschauung” in der Frage nach gut und böse oder richtig und falsch führen lasse, bevorzuge ich doch ein transparentes Modell bei dem ich nachvollziehen kann, weshalb das eine gut und das andere schlecht ist. Zwar gibt es auch im christlichen Glauben ähnliche Erklärungsversuche (wie die “goldene Regel”), am Ende läuft es aber doch darauf hinaus, dass eine Person (Papst) oder eine nicht näher definierte Entität (Gott) ansagen, was Sache ist, ohne dabei hinterfrag zu werden.

    Wer an Gott, das große Spaghettimonster oder an die Scientology-Aliens glauben will, soll das gerne tun – aber niemand anderen (insbesondere keine leicht beeinflussbaren Kinder) verpflichten, sich solche Lehren anhören zu müssen.

  12. philikon Says:

    Martin, juh: Ihr vermischt gerne einige Punkte, die ich explizit versucht habe zu trennen.

    Ich halte es für müßig zu diskutieren, ob Religion “irrational” oder nicht ist, oder ob es sinnvoll ist, so etwas wie Ethik ohne weltanschaulichen Hintergrund zu lehren oder nicht. Zu diesen Punkten haben wir offensichtlich unvereinbare Meinungen, und das ist ja auch in Ordnung so.

    Pro Reli tritt einfach nur dafür ein, dass diese Meinungsdifferenzen sich auch in der Wahl des Unterrichtsfaches niederschlagen dürfen. Wenn ich möchte, dass meine Kinder die Würde des Menschen und Nächstenliebe aus dem christlichen Kontext gelehrt bekommen und nicht aus einem unreligiösen staatlich diktierten, dann sollte das genauso möglich sein, wie wenn juh möchte, dass seine Kinder in keinster Weise mit “obskurantem Denken” in Verbindung kommen. Auf genau diese Freiheit bezieht sich meine Conclusio und der Titel meines Blogeintrages.

  13. juh Says:

    Nein, Philipp, wir vermischen nichts. Du bzw. Pro Reli: Ihr vermischt das Recht auf freie Meinungsäußerung und freie Erziehung mit dem Privileg, in der Schule als bevorzugte Sekte behandelt zu werden. Die Tatsache, dass dies früher einmal so war, leitet nicht das Recht ab, es heute immer noch zu dürfen.

    Wir wenden uns also gegen die Präsenz der Religionen in der Schule als Sprecher, also als diejenigen, die die Inhalte des Unterrichts festlegen.

    Warum sollen die christlichen Kirchen das Recht haben, ihre Ideologie in der Schule zu unterrichten? Warum dürfen das die Astrologen, die Schamanen, die Kommunisten nicht?

    Wenn du deinen Kinder den Glauben an Gott einimpfen willst, dann tu das, schick sie Sonntags in die Kirche und in den Katechismus. Aber verlang bitte nicht, dass deine private Sicht auf die Dinge immer noch Teil des Lehrplans ist.

  14. philikon Says:

    juh, die Kirchen als Sekte zu bezeichnen oder gleichzustellen mit irgendwelcher anderen Folklore, wie Du es jetzt mehrfach getan hast, verkennt, dass mehr als zwei Drittel der Deutschen sich zum Christentum bekennen (Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionsgemeinschaften_Deutschland,%202005.pdf). Es geht also nicht um irgendeinen Verein, sondern um den Wunsch von potentiell zwei Dritteln der Gesellschaft. Es entspräche nur dem demokratischen Grundgedanken, dies auch in den Wahlmöglichkeit der Erziehung wiederzuspiegeln.

  15. juh Says:

    Mit Umfragen, Mehrheiten und Statistiken kann man natürlich argumentieren. Dran glauben tue ich nur, wenn ich sie selbst gefälscht habe.😉

    Die Mehrheit hat immer Recht. Ok. Die Masse macht also die Kirche. Auch ok. Minderheiten-Obskurantismen bleiben Sekten. Ich kann mich mit dieser Definition sogar anfreunden, weil sie zwischen Sekten und Kirchen keinen inhaltlichen Unterschied macht. Der Blödsinn, an den die Mehrheit glaubt, ist dann also die ehrwürdige Religion. Und in den Herzen dieser Mehrheit ist dann also dieses besondere Gefühl, das man mit Karikaturen nicht verletzen darf. Auf unseren nicht religiösen Gefühlen darf man dagegen herumtrampeln.

    Historisch gesehen, ist der Religionsunterricht in unseren Schulen natürlich irgendwie verankert. Deutschland ist ja leider nur ein teilsäkularer Staat. Die großen Sekten okkupieren immer noch sehr viel staatliche Macht. Der Staats treibt für sie, übrigens auch auf Kosten nicht gläubiger Steuerzahler, die Steuern ein. Sie bestimmen in Verwaltungsräten der Medien mit über das Programm. Das alles ist eines aufgeklärten Staates im 21. Jahrhundert nicht mehr gemäß.

    Ich bin auch prinzipiell gegen Bestrebungen den Islamunterricht in deutschen Schulen einzuführen, nur weil diese Sekte mittlerweile ebenfalls mehrheitsfähig geworden ist. Oder weil sie besonders radikal und gewaltbereit ist. Selbst das Argument, die Moslems damit zu toleranteren Menschen zu erziehen, halte ich für nicht stichhaltig. (Siehe dazu auch http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,620502,00.html) Es wird den Moslems damit nur signalisiert, dass der Islam schon in Ordnung ist und man ihn deshalb auch in deutschen Schulen lehren kann. Das ist aber nicht der Fall. Keine Religion ist in Ordnung. Ganz im Gegenteil. Von Religionen geht immer eine Gefahr aus, weil sie irrationales Denken befördern, weil sie Angst schüren und die geistig-moralische Unterwerfung unter ein Hirngespinst fordern. Das kann niemals und in keinem Zusammenhang jemals gut sein. Das ist, wenn man es religiös-moralisch überspitzt formulieren will, Böse an sich.

    Komm mir jetzt bitte nicht mit Beispielen wie Mutter Theresa. Die Kirche als Organisation ist aus sehr durchsichtigen Motiven wohltätig. Der einzelne Mensch ist es, weil er von Natur aus gut ist. (Siehe dazu auch http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,620709,00.html)

    Wir sollten uns in der Schule mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich der Moral beschäftigen, moderne Erkenntnisse über das Zusammenleben von Menschen thematisieren, Konfliktbewältigung thematisieren und in einem Ethik-Unterricht über Ethik (nicht Glaube) diskutieren, aber unsere Kindern nicht mit Gedankengebäuden aus dem Mittelalter verderben. Wobei ich dir als guter Demokrat natürlich das Recht einräume, dies mit deinen Kindern zu tun.😉

  16. Martin Says:

    Juh hat meine Antwort vorweggenommen. Ich bin aus genannten Gründen gegen jede Art von Religionsunterricht an Schulen. Jedenfalls an Schulen, deren Ausstattung und Lehrergehälter vom Staat bezahlt werden.

    Was dann im Privaten geschieht, kann mir (relativ) egal sein.

  17. Martin Says:

    Aber wie ich gerade lese hat sich die Diskussion ohnehin erübrigt: http://www.rbb-online.de/nachrichten/politik/2009_04/Volksentscheid_Pro_Reli.html


  18. Just read that RBB article: “Wahlpflichtfach”. I know you Germans like compound words. This one is pretty hilarious once you think of it🙂

  19. philikon Says:

    juh, sorry für die späte Antwort, die Diplomarbeit musste fertig werden🙂.

    Ich teile Deinen Vorwurf der Heuchlerei durchaus in weiten Teilen (zB Empfindlichkeit bei Karikaturen vs. Hetze gegen Heiden, aber auch viel subtilere Beispiele in den christlichen Kirchen). Auch ich wehre mich gegen Angst-einflößende Rhektorik und den Mangel an Hinterfragen, denn Religion darf so nicht sein.

    Allerdings möchte ich wieder einmal betonen, dass es mir hier nicht darum geht, ob Religion grundsätzlich etwas gutes oder schlechtes ist, denn da werden wir trotz einiger gemeinsamer Kritikpunkte wohl nicht übereinkommen. Mir geht es um die Wahlfreiheit zwischen einer religiösgeprägten weltanschaulichen Erziehung und eben einer laizistischen Erziehung. Diese Freiheit könnte von beiden Seiten mit Respekt ruhig anerkannt werden und m.E. mit einer gewissen Portion Pragmatismus und dafür frei von Ideologie (das gilt für beide Seiten) angepackt werden. Aber ich muss natürlich auch die Entscheidung des Volkes respektieren, und das hat sehr eindeutig gesprochen.


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